Freiheit braucht Bindung
Warum Loslassen ohne Halt nicht funktioniert
Alle reden von Freiheit.
Von Selbstbestimmung, Unabhängigkeit, von einem Leben ohne Chef, ohne feste Zeiten, ohne Grenzen. Alle reden davon als würde man vor der Wahl stehen. Gib doch endlich deine Sicherheit auf, für ein freies, glückliches Leben.
Doch je länger ich diesen Idealen nachging, desto deutlicher wurde mir:
Freiheit ohne Bindung ist kein Fliegen, es ist ein freier Fall ohne Fallschirm und Boden.
Eine Freiheit, die das Nervensystem in ständiger Alarmbereitschaft hält.
Freiheit, Sicherheit & Bindung – eine kleine Begriffsklärung
Für ein besseres Verständnis möchte ich erst mal die Begriffe differenzieren und erklären:
Wenn wir über Freiheit sprechen, meinen wir oft etwas sehr Unterschiedliches.
Für die einen bedeutet sie Unabhängigkeit – keine Verpflichtungen, keine Grenzen und niemandem Rechenschaft schuldig zu sein.
Für andere ist sie eher ein inneres Gefühl: Weite, Raum zum Atmen oder einfach das Vertrauen, man selbst sein zu dürfen.
Sicherheit und Bindung dagegen klingen für viele nach Einschränkung. Man muss Verpflichtungen nachgehen und Verantwortung tragen. Für manche bedeutet Sicherheit vielleicht sogar Stillstand.
Doch in ihrer ursprünglichen Bedeutung ist Sicherheit etwas ganz anderes:
Sicherheit & Bindung
Sicherheit ist eines unserer tiefsten menschlichen Grundbedürfnisse.
Sie bedeutet, gehalten zu sein. Sowohl emotional, körperlich, aber natürlich auch existenziell. Wir müssen die Sicherheit haben, versorgt zu sein, mit allem was wir brauchen: Nahrung, Wärme, Schutz, Zugehörigkeit, Vertrauen. Ansonsten ist unsere Existenz bedroht.
Diese Sicherheit entsteht in den ersten Jahren unseres Lebens ausschließlich durch Bindung. Ohne Bindung keine Sicherheit – das ist das biologische Grundprinzip unseres Nervensystems. Ein Kind kann nur dann entspannt die Welt erkunden, wenn es weiß: Da ist jemand, der mich auffängt und für mich sorgt. In unserer Kindheit waren das in erster Linie unsere engsten Bezugspersonen, in den meisten Fällen die Eltern. Heute kann dieser "Jemand" alles mögliche sein, nicht zuletzt auch die Verbundenheit zu uns selbst.
Wobei ich an an dieser Stelle ganz klar sagen möchte: Eine sichere Verbindung zu sich selbst zu haben ist der Ursprung. Aber wir brauchen auch Verbindung zu anderen! Und auch wenn das für manche einschränkend klingen mag: Wir sind abhängig voneinander, Punkt.
Darum sind Sicherheit und Bindung untrennbar miteinander verwoben.
Was wir in dieser frühen Zeit erfahren – wie wir gesehen, gehalten oder zurückgewiesen wurden – prägt unser inneres Empfinden davon, was wir tun müssen, um sicher zu sein.
Viele von uns haben unbewusst gelernt:
Ich muss brav sein, leisten, gefallen, mich anpassen – sonst verliere ich Bindung, und damit Sicherheit.
Dieser Mechanismus begleitet uns bis ins Erwachsenenleben.
In Beziehungen, in Freundschaften und im Beruf.
Wir fragen uns, oft unbewusst: Was muss ich tun, damit ich dazugehöre? Damit ich gesehen werde? Damit ich es verdiene, sicher zu sein – materiell, emotional, existenziell? Und Zack, sind wir in einer ungesunden Abhängigkeit.
Freiheit & Autonomie
Und genau an dieser Stelle entsteht das Spannungsfeld zur Freiheit.
Denn Freiheit ist nichts anderes als die natürliche Fortsetzung von Bindung, wenn sie sicher ist.
Nur wer sich sicher gebunden fühlt, kann sich trauen, eigenständig zu werden – sich auszuprobieren, Grenzen zu weiten und frei zu entscheiden. Das ist Autonomie.
Doch viele von uns haben als Kinder erlebt, dass Autonomie bestraft oder nicht anerkannt wurde.
Selbstbestimmung bedeutete Gefahr: Wenn ich ich selbst bin, verliere ich Liebe. Wenn ich anders bin, verliere ich Halt.
Unser Nervensystem hat daraus gelernt: Freiheit bedeutet Unsicherheit.
Kein Wunder also, dass so viele Erwachsene heute nach Freiheit streben. Nach Unabhängigkeit, Selbstbestimmung und einem Leben ohne Erwartungen.
Wir wollen uns befreien aus diesem alten Muster der Anpassung.
Die Illusion der Freiheit
Wenn ich mich umschaue, sehe ich, wie uns eine bestimmte Vorstellung von Freiheit verkauft wird. Vor allem in den sozialen Medien, klingt es manchmal so, als gäbe es nur eine richtige Form von Freiheit:
die, in der du alles hinter dir lässt, um selbstständig zu sein, ortsunabhängig, wild und mutig - die grenzenlose Selbstbestimmung.
So klingt das neue Ideal:
„Wie, du sitzt noch in deinem 9-to-5-Job und freust dich nur am Wochenende über Freizeit?
Du hast deine Sicherheit noch nicht gegen Freiheit eingetauscht? Dann hast du’s noch nicht verstanden!“
Doch diese Art von Freiheit ist nur eine halbe Wahrheit.
Denn auch diejenigen, die scheinbar völlig frei sind, brauchen Bindung.
Sie sind vielleicht nicht an ein Büro gebunden,
aber an Sichtbarkeit, an Likes, an Kunden, an Algorithmen – oder an die Liebe und Sicherheit eines Menschen, die ihnen erst ermöglicht, sich frei zu fühlen.
Es gibt keine echte Freiheit ohne Halt.
Selbst die, die auf Bali arbeiten oder durch die Welt reisen, haben irgendwo einen Boden, der sie trägt – sei es finanziell, emotional oder sozial.
Wenn Freiheit zur Moralkeule wird
Ich möchte niemandem seine persönliche Definition von Freiheit absprechen!
Aber Freiheit bedeutet nicht für jeden, z.B. den Aufenthaltsort frei wählen zu können.
Manche Menschen sind „gebunden“. Ja, gebunden - hui, das hört sich für Freiheitsliebende ganz schön beängstigend an.
Sie sind gebunden, weil sie Verantwortung tragen, weil sie lieben und da sein wollen – für ihre Eltern, ihre Kinder, Freunde oder Tiere. Und manchmal ist es auch einfach die Heimatliebe, die einen bindet. Und ganz ehrlich: Das ist wunderschön.
Das ist gelebte Verbundenheit und kein Mangel an Mut.
Und es gibt auch tatsächlich Menschen, die fühlen sich in ihrem Job wohl.
In einem festen Team mit einer stabilen Struktur und einem Alltag, der ihnen Sinn gibt. Mittendrin im "ach so schlimmen System", weil sie sich als Teil des Ganzen sehen und wissen, dass sie im Kleinen auf ihre Art und Weise wirken und etwas beitragen können.
Auch das ist Freiheit – frei gewählt, aus dem Herzen heraus.
Was mich so wütend macht,
ist die Arroganz, mit der über andere Formen von Freiheit geurteilt wird.
Wie schnell manche behaupten, du würdest dich nur von Angst oder Bequemlichkeit leiten lassen. Vielleicht hättest du dich einfach noch nicht „wirklich getraut“. Du solltest nur tiefer in dich hineinhören, auf diese Stimme, die sagt: „Da ist mehr, immer mehr! Das echte Leben wartet noch auf dich.“
Das ist kein Mutmacher.
Das ist spirituelles Gaslighting – und es verletzt.
Mit solchen oder ähnlichen Sätzen werden gezielt negative Gefühle ausgelöst (z.B. Angst, Scham, Unsicherheit). Oft steckt dahinter die subtile Absicht, den anderen zum Handeln – oder Investieren – zu bewegen, damit er sich besser fühlt.
Dabei hatte man vorher vielleicht gar kein Problem – man bekommt es nur eingeredet.
Genau das macht mich so wütend.
Weil es Menschen ihre eigenen Empfindungen abspricht und in Frage stellt.
Weil es das ganz einfache Alltagsglück entwertet – jenes leise, unspektakuläre Glück, das für mich (und für viele andere Menschen auch) das echte Leben bedeutet.
Solche Botschaften halten den Druck aufrecht, immer noch echter, freier, mutiger sein zu müssen. Ständig auf der Suche nach „mehr Leben“.
Aber Freiheit ist kein Wettbewerb!
Und wer anderen ihr Glück abspricht, hat den Sinn von Freiheit nicht verstanden.
Vielleicht sollten wir uns generell wieder öfter mit offenem Herzen einfach nur zuhören, statt ständig einander überzeugen zu wollen, wie das Leben „richtig“ zu sein hat. (In jeder Hinsicht!)
Ich bin nicht frei, weil ich alles loslasse.
Ich bin frei, weil ich weiß, wo ich gehalten bin.
Meine eigene Reise zwischen Freiheit und Sicherheit
Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe diese Freiheit gelebt – viele Jahre lang. Zumindest wenn wir vom beruflichen Aspekt sprechen.
Selbstständig, zuhause, mit meinen Ideen, meiner Kreativität, meiner Zeit.
Von außen wirkte das sicher nach purem Freisein:
keine Chefs, keine festen Arbeitszeiten, kein Druck von außen.
Aber innerlich war es oft ein Kampf.
Ein ständiges Auf und Ab zwischen Freude und Angst.
Zwischen Aufatmen, wenn ein Kurs gebucht wurde,
und Enttäuschung, wenn sich jemand kurz davor wieder abmeldete.
Diese Ungewissheit, ob am Monatsende genug da sein würde,
zog sich durch meinen Alltag wie ein leises Hintergrundrauschen.
Und dann war da noch dieser unsichtbare Druck –
die Regeln, wie man als „erfolgreiche“ Selbstständige zu sein hat.
Die Social-Media-Strategien, die Algorithmen, die darüber entscheiden, ob man gesehen wird oder nicht. Ich habe irgendwann gemerkt: Das fühlte sich für mich genauso einengend an wie damals mein cholerischer Chef während der Ausbildung. Wenn nicht sogar noch schlimmer.
Es ging auch nie nur um Zahlen auf dem Konto. Es ging um Wertschätzung.
Es ging darum, für mein Sein gesehen zu werden und um ein Gefühl von Sicherheit, dafür nicht ständig kämpfen zu müssen.
(Ja, ich weiß schon... ist ein inneres Thema.)
Heute weiß ich, dass mein Nervensystem etwas ganz anderes braucht:
Halt. Verlässlichkeit. Bindung. Nur hatte ich einfach nach unzähligen Enttäuschungen eine Sch... Angst vor Bindung. Ich könnte mich ja wieder selbst verlieren. Dabei habe ich lange Zeit nicht einmal gemerkt, dass ich mich in all diesem Freisein bereits längst selbst verloren hatte.
Ich bin zutiefst verbunden mit meinem Zuhause, mit meiner Familie.
Hier fühle ich mich frei – weil ich sicher bin. Weil ich geliebt und gesehen werde, ohne mich dafür verstellen zu müssen.
Und auch mein neuer Job schenkt mir genau dieses Gefühl. Nicht durch eine bestimmte Summe auf dem Konto, sondern durch das Wissen: „Es“ ist sicher da. Ich darf beitragen, ich darf sein – und werde genau dafür wertgeschätzt.
Freiheit bedeutet für mich heute, mich selbst nicht mehr überlisten zu müssen. Keinen Teil von mir zu verleugnen (z.B. den Teil, der sich nach Bindung sehnt!), nur um irgendeinem Ideal von Erfolg oder Selbstbestimmung zu entsprechen. Sondern so zu leben, dass Sicherheit und Bindung mich tragen, und daraus echte Freiheit wächst.
Je mehr ich mich mit dem Thema beschäftige, desto klarer wird mir:
Freiheit ist kein Ort und auch keine bestimmte Lebensform. Es ist ein Gefühl.
Ein Zustand von innerer Ruhe, Vertrauen und Selbstverbundenheit.
Und Freiheit braucht Bindung, weil wir Menschen keine Einzelwesen sind.
Wir sind Beziehungswesen – zu anderen, zur Erde und zu uns selbst.
Wenn wir uns sicher wissen, wenn wir gehalten sind, dann wird Freiheit nicht mehr zum Kampf, sondern zum Fließen.
Vielleicht bedeutet Freiheit für den einen, um die Welt zu reisen, und für die andere, jeden Abend nach Hause zu kommen. Beides ist richtig, solange es echt ist.
Solange es nicht aus Angst geschieht und nicht aus dem Versuch, etwas zu beweisen oder zu entkommen. Für mich ist echte Freiheit heute leise.
Freiheit bedeutet für mich, das Gefühl zu haben, getragen und versorgt zu sein, ohne etwas tun zu müssen, das meiner Natur oder meinem Wesen widerspricht und dadurch meiner körperlichen und mentalen Gesundheit schadet.
Es geht nicht darum, jede Form von Sicherheit oder Verbindlichkeit loszulassen, um frei zu sein. Es geht vielmehr darum, zu hinterfragen, wie du Sicherheit aufbauen kannst, ohne dich selbst zu verraten und welche Verbindungen du wählst, in denen du dich zugleich geborgen und frei fühlst.
Übrigens, diese Wahl kann auch deinen Chef, deine Chefin oder die netten Kolleginnen und Kollegen in deinem erfüllenden „9-to-5“-Job einschließen. 😉